Jahrelang wurde auf dieses Event hingearbeitet, nun liegt es hinter uns, sicherlich das Kongresshighlight des Jahres 2021. Und das liegt nicht nur daran, dass es Corona-bedingt vorher eher wenig zum Treffen gab. Aber fangen wir mal von vorne an: Was sind die Erkenntnisse des ITS World Congress in Hamburg?
Ich persönlich war bereits zwei Mal auf dem ITS-World Congress, einmal in Montreal, einmal in Singapur. Beide Male als Aussteller, dieses Mal hatte ich mir ein Kongressticket gegönnt. Vorab: Der deftige Preisunterschied zwischen Messe und Kongress ist aufgrund der Fülle des Programms gerechtfertigt. Inhaltlich gab es eine Produktschau sehr vieler Projekte aus aller Herren Länder und man hatte seine liebe Mühe damit, einen Fahrplan für sich selbst aufzustellen, um das für einen selbst interessante mitzubekommen.
Inhaltlich war es hochinteressant und ernüchternd zugleich. Ich hatte mir insbesondere die Bereiche MaaS (Mobility as a Service) und Bedarfsverkehre/Ridepooling angesehen. Weltweit werden in diesem Umfeld Projekte vorangetrieben und Erkenntnisse gesammelt. Ernüchternd war es vor allem deswegen, weil die Ergebnisse sich sehr ähnelten. Die Barrieren sind offensichtlich in vielen Fällen dieselben. Man hat mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, die Softwareunternehmen stehen vor neuen Herausforderungen, mit denen sie nicht so recht umgehen können, die neuen Verkehre werden nicht so genutzt, wie man es sich erhofft hat.
Interessant wurde es bei den Präsentationen der verschiedenen Hersteller. Einige haben ganz klar formuliert, dass ihre Verkehrskonzepte nur dann Erfolg haben werden, wenn wir emissionsfreie Antriebe haben und autonome Fahrzeuge sich ohne Personal bewegen können. Was wie eine Binsenweisheit klingt, führt zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass wir wohl bald auf den Straßen viele Fahrzeuge haben, die keine Fahrtberechtigung benötigen. Somit stellt sich auch die Frage, welchen Stellenwert der ÖPNV in diesen zukünftigen Szenarien einnehmen wird. Wird er weiterhin eine grundlegende Funktion haben und viel Verkehr zusammenführen oder sind wir in Zukunft in vielen einzelnen Kapseln unterwegs, die keinen Platz mehr lassen für andere Verkehrsformen? Dies sind Grundsatzfragen, mit denen wir uns definitiv aufgrund der technologischen Entwicklungen befassen müssen.
Im Messebereich war ein Stelldichein verschiedenster IT-Dienstleister zu bewundern. Die deutschen Platzhirsche waren versammelt, die ÖPNV-IT-Industrie fast vollständig, von E-Autos über Roboter und Drohnen gab es eine breite Palette an Vehikeln zu bewundern. Zudem gab es, wie inzwischen so oft auf den Messen, einen eigenen Bereich für Startups, oder die die dafür gehalten werden wollen. So ergab es sich auch, dass man manchmal auch erst auf den zweiten Blick erkennen konnte, ob dort eine bewährte Lösung oder nur ein Prototyp ausgestellt wurde.
In vielen Fällen wurde auch immer wieder vom Henne-Ei-Problem geredet. Die Softwareindustrie will liefern, weiß aber nicht genau wie das Produkt aussehen soll. Dort erwarten sie Input vom Kunden. Die Kunden, meist Verkehrsunternehmen oder staatliche Stellen, würden gerne innovative Lösungen kaufen, finden aber nichts auf dem Markt, das fertiggestellt ist. Hier fehlt eindeutig die Innovationsfreude aller Beteiligten und auch der Mut zum Risiko.
Was gab es noch: Auma Obama stellte in einer sehr beeindruckenden Rede bei der Eröffnung die Probleme mit Verkehrsprojekten in ihrer Heimat Kenia vor. Hier wurde eine innovative Bahnlinie zwischen Nairobi und Mombasa gebaut. Hochmodern, vom Großteil der Bevölkerung nicht zu bezahlen und quer durch ein Naturschutzgebiet gebaut. Letzteres führte dazu, dass sich die Löwen aus dem Naturschutzgebiet in das Stadtgebiet von Nairobi verirrt haben. Die Bezahlung des Projektes wird über einen langfristigen Kredit aus China mit Kenia finanziert, der zu einer riesigen Abhängigkeit führt. Deutlicher konnte man kaum an einem einzigen Beispiel die Wechselwirkungen von einem einzigen, nicht ganz durchdachten, Verkehrsprojekt darstellen.
In der Summe war dies sicherlich der eindrucksvollste Kongress zur Mobilität, auf dem ich in den letzten Jahren war. Dies hier schreibe ich vor allem, damit wir uns alle die Lehren aus den Entwicklungen noch einmal vor Augen führen. Alles was wir tun, hat Konsequenzen und Auswirkungen. Die Entscheidungen, die wir jetzt in Sachen Mobilität treffen, werden ähnlich wie in den 50er Jahren die autogerechte Stadt, Auswirkungen auf die nächsten Jahrzehnte haben. Daher wünsche ich mir, dass wir die begonnene Diskussion zu diesem Thema noch viel weiter fortführen und vertiefen.